Harry Kindt und sieben Woche alte Handaufucht
© B. Dexel

Interview mit Harry Kindt vom Projekt Kitty

Harry Kindt und seine Frau setzen sich mit viel Herz und Verstand und ganzer Energie für Kitten ein, die sonst schlechte Überlebenschancen hätten. Sie leiten das seit 2003 bestehende Projekt Kitty im brandenburgischen Glindow (Werder), südwestlich von Berlin.  Zum Projekt gehört neben der Kastration von Straßenkatzen auch die erste Babykatzenstation Deutschlands. Dort werden auf der Straße oder in der Station geborene Kitten ärztlich versorgt, aufgezogen, an Menschen gewöhnt und in Haushalte vermittelt. Die Katzenmütter werden kastriert und die, die sich nicht für eine Vermittlung eignen, wieder an der gesicherten Futterstelle freigesetzt.  Seit dem Start des Projekts Kitty konnten schon fast 3000 Kätzchen aufgezogen und vermittelt werden.

Birga Dexel: Harry, was ist deine Motivation, wie kamst du dazu, dich so zu engagieren?

Harry Kindt: Wir sehen es als Aufgabe so kleinen Lebewesen zu helfen. Alles fing damit an, dass ich im damaligen Tierheim Berlin Sachen für den Flohmarkt abgab und dabei eine Frau entdeckte, die zwei kleine Katzenbabys auf dem Schoß hatte. Sie erzähle mir, dass das Handaufzuchten seien. Meine Frau und ich züchteten schon seit 1986 Maine Coons und hatten nie Probleme mit den Kitten, da sie eine Mutter hatten, die sich um die Kleinen kümmerte. Da auch meine Frau von dem Thema begeistert war, war uns als wir 1997 von Berlin nach Großziehten umzogen, klar, dass wir bei uns eine Rettungsstation für mutterlose Katzenbabys einrichten werden.

© B. Dexel
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Birga Dexel: Eigentlich bist du ein Hundemensch, wie du mir mal erzählt hast, doch dann hast du lange Maine Coon Katzen gezüchtet. Wie kamst du zur Katze?

Harry Kindt: 1982 kam nach langer Diskussion ein Hund, ein Collie, ins Haus. 1984 folgte dann die erste ganz normale Katze. Durch eine Freundschaft kamen wir zu einer Maine Coon. Bald danach eine zweite und schließlich ließen wir uns zu einem Wurf überreden. So wurden wir Züchter und uns interessierte immer mehr die Kittenaufzucht. Bei uns gab es keine Probleme, die Kitten hatten ja ihre Mutter. Was ist aber mit den Babys, die aus den unterschiedlichsten Gründen keine Mutter mehr haben? So beschäftigten wir uns immer mehr mit dem Thema Handaufzucht.

Birga Dexel: Du nimmst auch immer wieder Kätzchen, die mit der Hand aufgezogen werden müssen, mit nach Hause und deine Frau und du kümmert euch aufopferungsvoll um diese Kitten. Kätzchen sollten ja nur in Ausnahmesituationen nicht vom Muttertier aufgezogen werden. Zudem haben einige Menschen eine romantische Vorstellung davon, was es heißt, Kätzchen mit der Flasche aufzuziehen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Es bedeutet harte Arbeit und wenig Schlaf. Was ist alles zu beachten, sollte man in eine solche Notsituation kommen und keine gesunde Ammenkatze zur Verfügung stehen?

Harry Kindt: Mit Ammenkatzen ist es eine schwierige Sache. Wenn die Babys krank sind - was man nicht immer gleich sieht - und zu einer Ammenkatze mit oder ohne Babys hinzugesetzt werden, kann es passieren, dass sich die gesunden Kätzchen infizieren und erkranken. Also große Vorsicht in diesem Fall!

Kätzchen mit der Flasche aufzuziehen erfordert viel Zeit und Liebe
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Wir haben hier auf unserer Internetseite unsere Erfahrung und Tipps  festgehalten.
Wer Hilfe braucht, kann sich jederzeit bei uns melden!

Birga Dexel: Wie vielen Katzen konntest du bis heute schon helfen durch deine Arbeit?

Harry Kindt: Wir haben bis heute 324 Kitten erfolgreich als Handaufzuchten aufgezogen und vermittelt. Seitdem die Babystation 2005 eröffnet wurde, konnten 2911 Kitten gerettet und vermittelt werden. 376 Mutterkatzen konnten ihre Babys bei uns großziehen und wurden dann an die gesicherte Futterstelle zurückgebracht oder mit einem ihrer Kitten vermittelt.

Birga Dexel: Leben bei dir auch Katzen aus dem Tierschutz? Welche Erfahrungen hast du mit diesen Katzen gemacht?

Harry Kindt: Ja, bei mir leben acht Katzen aus dem Tierschutz. Alles Fälle von Katzen, die keiner mehr haben wollte, weil sie Schönheitsfehler haben, halb blind sind, intensive Behandlung benötigen oder vom Tierarzt zur Pflege übergeben wurden und dann hängen blieben. Alle bei uns lebenden Katzen sind trotz ihrer Behinderungen sehr lieb und sehr dankbar. Genauso wie die Handaufzuchten ist unsere Mannschaft sehr menschbezogen, auch Fremden gegenüber.

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Birga Dexel: Welches Katzenerlebnis hat dich bisher am Meisten bewegt?

Harry Kindt: Wir erleben fast jeden Tag Grausamkeiten an Tieren und fragen uns wie Menschen überhaupt so sein können. Wie im Fall Felix, der schwer verletzt auf der Straße gefunden wurde. Leute brachten ihn zum Tierarzt, der die Erstversorgung vornahm. Anschließend kam er über aktion tier zum Tierheim Meißen-Winkwitz e.V., wo er mehrfach operiert worden ist. Nach mehreren Wochen Genesung kam er nach Berlin zur Uni-Klinik Düppel, die ihn am Kopf und Auge operiert haben. Drei OPs waren nötig, um das Augenlied nachzubilden. Nach der ersten OP holten wir den Kater zu uns auf die Babyrettungsstation, wo er die nächsten OPs überstehen und in aller Ruhe genesen konnte. Als er wieder gesund war, hätten wir ihn vermitteln können, aber keiner wollte ihn haben. Meine Frau und ich entschlossen uns, ihn zu behalten. Was mich immer wieder sehr bewegt, ist, dass unser Besuch – ganz gleich ob Freunde, Bekannte oder auch Fremde – freundlich von Felix empfangen und beschmust wird.

Mich bewegt und schmerzt aber auch sehr die Abgabe der Babys. Man hat über Wochen um ihr Überleben gekämpft, eine Verbindung aufgebaut und dann kommt der Tag des Abschiedes. Das tut richtig weh und manchmal habe ich beim Abschied Wasser in den Augen. Aber die nächsten Babys warten schon und man beginnt von vorne mit dem gesamten Prozess.­­

© Harry Kindt
© Harry Kindt

Birga Dexel: Mit welchem Mythos in Bezug auf Katzen würdest du gerne aufräumen?

Harry Kindt: Mit dem Mythos, dass jede Kätzin einmal Babys bekommen sollte. Die Tierheime sind voll mit Kätzchen, die dringend ein Zuhause suchen. Da muss man nicht bewusst Babys in die Welt setzen. Ein weiterer Mythos, der überhaupt nicht der Realität entspricht, ist, dass Katzen, die kastriert sind, keine Mäuse mehr fangen. Das ist so ein Unsinn, denn der natürliche Instinkt ist ja nun mal das Jagen.

Birga Dexel: Wenn du einen Wunsch an die Politik frei hättest in Bezug auf Katzen, was müsste getan werden?

Harry Kindt: In Deutschland sollte endlich die Kastrationspflicht für Freiläufer eingeführt werden. Bereits vor Jahren in Paderborn und in der Zwischenzeit auch in sehr vielen anderen Städten und Gegenden sind mit der Einführung der Kastrationspflicht tolle Ergebnisse erzielt worden. Es ist mir unerklärlich, warum die Kastrationspflicht immer noch nicht in ganz Deutschland eingeführt wurde.

Birga Dexel: Was können Katzenfreunde in ihrer Kommune oder Region tun, um Straßenkatzen zu helfen?

Harry Kindt: Unterschriften sammeln und bei den Ämtern vorstellig werden, um die Kastrationspflicht zu erreichen. Die an den Futterstellen erscheinenden Neuzugänge einfangen, beim Tierarzt oder Tierheim kontrollieren lassen, ob sie gechipt sind und gegebenenfalls kastrieren lassen. Sollte im privaten Umfeld eine Katze auftauchen, bitte unbedingt das zuständige Tierheim oder das Ordnungsamt informieren und um Hilfe bitten. Auch wenn man nicht immer direkt Hilfe bekommt, es wird sich jemand finden, der bereit ist zu helfen. Und ein ganz wichtiger Appell: Sollten Sie eine Mutter mit Babys finden, eine tragende Katze oder Babys ohne Mutter, weil die nicht mehr zurückkommen kann, dann holen Sie Hilfe, bei wem auch immer! Schauen Sie bitte nicht weg! Leisten Sie auch bei verletzen Tiere sofort Hilfe!

 

+++ Am 26.10.2019 wird Harry Kindts Projekt Kitty um 18 Uhr bei HundKatzeMaus(VOX) vorgestellt +++

Harry Kindt und sieben Woche alte Handaufucht
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Kontakltdaten

Kitten Babystation
Ziemensstr. 84 B
D-14542 Glindow

Öffnungszeiten:
Mo., Di, Do.-So. von 10:00-13.00 Uhr

Ansprechpartner:
Harry Kindt, Telefon: +49 3379 445533